GÜZ und Schnöggerbsurg

Das Gefechtsübungszentrum Heer in der Colbitz-Letzlinger Heide

Selbst aus der Weltraum ist das 232 km² große Militärgelände erkennbar. Das Gefechtsübungszentrum des Heeres (GÜZ) befindet sich in der geographischen Mitte Deutschlands und ist eine der technisch modernsten militärischen Trainingsanlagen weltweit.

Für die Bundeswehr, diverse NATO-Armeen und die EU Gendarmerie Forces ist das Areal längst zu einem der wichtigsten Trainingsanlagen geworden. Die von Rheinmetall vermietete Anlage in der Altmark, die den Armeen im Übrigen als Dienstleister neben Technik und Logistik zusätzlich noch Militäranalysen zur Verfügung stellt, dient den Truppen dazu ihre Kriegsführung zu trainieren, neue Strategien, Taktiken und Militärtechnik auszuprobieren und die Belagerung anderer Länder zu üben. Bevor die deutschen Bundeswehrsoldaten beispielsweise in einen Auslandseinsatz geschickt werden, durchlaufen sie allesamt ein zweiwöchiges Kampftraining auf einem Gefechtsübunszentrum. Es ist die letzte Station vor ihrer Ausreise nach Afghanistan, den Kososvo oder Mali. Nachahmungen von kosovarischen und afghanischen Dorfanlagen sollen den dort jährlich trainierenden 25.000 NATO-Soldaten möglichst realistische Trainingsbedingungen zur „Terrorismusbekämpfung“ bieten.

Die fiktive Kulissentadt Schnöggersburg: urbane Aufstandsbekämpfungsstadt auf dem GÜZ

Im Jahr 2050 werden voraussichtlich zwei Drittel der Menschen in Städten leben, in den Ländern des Trikont wird bis 2030 eine Verdoppelung der Stadtbevölkerung erwartet. Aktuelle Analysen der NATO deklarierten in ihrem Strategiepapier die stetig wachsenden Städte und Metropolen zu den Konfliktgebieten der Zukunft.

Dabei handelt es sich aber nicht ausschließlich um ein Zukunftsszenario. Bereits Heute spielen sich viele Konflikte in Ballungsräumen zahlreicher Großstädte ab. Soziale Proteste, Streiks und betriebliche Auseinandersetzungen wie zum Beispiel in Spanien, Portugal, Griechenland oder der Türkei sind anschauliche Beispiele dieser Entwicklung. Die Auswirkungen der Krisenpolitik in der Bevölkerung sind bereits seit Jahren spür- und sichtbar. Ein Umstand, der die Herrschenden (alternativ: Staaten/Regierungen) besorgt und als Anlass nehmen, direkte Interventionen durch die Armeen stetig auszuweiten und einzuberechnen, um ihre Macht und Interessen zu wahren. Eine Gesetzesänderungen, die einen Einsatz im Inneren auch rechtlich absichern und legitimieren, gibt es in Deutschland seit 2012. Das ermöglicht der Bundesregierung, aufgrund der äußerst schwammigen Formulierung, die Bundeswehr in der Zukunft bei Großdemonstrationen einzusetzen. Einen Vorgeschmack erhielten wir beim G8 in Heiligendamm oder als Amtshilfe beim Castortransporten.

Neben dem Überfallen von Ländern auf offenem Gelände wird in Sachsen-Anhalt deswegen auch die militärische Niederschlagung von Aufständen und der Krieg im urbanen Raum geübt.
Die Soldaten sollen auch hierfür eine militaristische Ausbildung erhalten, weshalb seit 2012 die Großstadt Schnöggersburg gebaut wird. In Schnöggersburg sollen die von ForscherInnen und Militär entwickelten Aufstandsbekämpfungsstrategien trainiert werden, um soziale Unruhen und Krisenerscheinungen zur Not auch militärisch zu bekämpfen. Ab voraussichtlich 2017 werden dort 1.500 Soldaten das Trainingsareal zur urbanen Aufstandsbekämpfung nutzen können.

Schnöggersburg ist ein Projekt, dass bei Militärs auf der ganzen Welt auf großes Interesse stößt. In der Übungsstadt soll es eine Innen- und Altstadt mit über 500 Gebäuden geben. Darunter findet man Einfamilien- und Hochhäuser, Plattenbauten, Kirchen und Moscheen, landwirtschaftliche Betriebe, ein Kanalisationssystem, einen künstlich angelegten 30m breitem Fluss, ein Fußballstadion, ein Slum-Gebiet, sowie einem Industriegebiet. Hinzu kommen ein Schienennetz mit Bahnhöfen und Haltestellen für die U-Bahnen, Straßenzüge und Plätze, ein Autobahn-Abschnitt und eine Flug- bzw. Landebahn. Die Kosten der Geisterstadt werden auf 100 Millionen Euro geschätzt, die aus öffentlichen Kassen bereitgestellt werden.

GÜZ – Ein Teil des militärpolitischen Komplexes

Allzu offensichtlich ist Militarismus natürlich dort, wo Kriege trainiert werden, doch unser Alltag ist auch anderswo militärisch durchsetzt. Durch Ausgaben in Millionenhöhe wird gezielt darauf hingewirkt, öffentliche Auftritte der Bundeswehr nach und nach zu einer alltäglichen Normalität werden zu lassen.
Arbeitsagenturen, Schulen, Messen und Unis sollen wie selbstverständlich zu den Rekrutierungsarealen der Bundeswehr werden. Deswegen werden neben den immensen Summen, die in neue Technik gesteckt werden, Millionenbeträge in die PR-Maschinerie gepumpt, um den Akzeptanzgrad in der Bevölkerung Stück für Stück hochzuschrauben. Ein „hilfstätiges“ Auftreten der Bundeswehr und das „selbstlose“ Koordinieren von ziviler Infrastruktur (Katastrophenschutz) sind bei der Imagepolitur ein beliebtes Mittel zum Zweck.

Am Rande, fast schon nebenbei, wird das militärische Eingreifen, Führen und Kontrollieren von Konflikten immer öfter und offensiver als alternativlos propagiert. Kriege werden normalisiert – etikettiert werden sie je nach Belieben als humanitär, manchmal mit dem Responsibility to Protect-Grundsatz, oder auch ganz offen wirtschaftlich argumentiert. Bundespräsident Gauk und Verteidigungsministerin von der Leyen predigen eine familienfreundlichere Bundeswehr und ein konsequenteres militärisches Eingreifen.

Terrorismus, Demokratisierung, Frauenrechte, Menschenrechte sind alles Schlagwörter, die uns tagtäglich um die Ohren gehauen werden. Die Vermischung so vieler unterschiedlicher Kategorien erlaubt allerdings auch anderswo die Konturen unschärfer werden zu lassen: zwischen militärisch und zivil, oder Polizei und Militär. Damit soll eine allmähliche Gewöhnung an den Kriegszustand erreicht werden und macht ihn zugleich allgegenwärtig.